Thema: Führung

Beidhändige Führung: Im Spannungsfeld von Tradition und Transformation

Thomas Carlsen
Lesezeit: 7 Minuten

Summary

Dieser Blogbeitrag wirft ein Schlaglicht auf ambidextre Führung. Kern dieses Führungsstils ist die effiziente Nutzung vorhandener Ressourcen und die gleichzeitige Zukunftsausrichtung für eine Organisation, also ein dynamisches Modell, dem permanente Veränderung bzw. Entwicklung innewohnt. Change ist kein Projekt, sondern ein Prozess. Ambidextre Führung ist zugleich eine Aufgabe und eine Haltung aller Mitarbeitenden im Unternehmen. Der Führungskraft kommt dabei eine Vorbildrolle zu. 



Zeitgemäße Führungskräfte konzentrieren sich auf Empathie, einen klaren Unternehmenszweck, Agilität, Inklusion und Servant Leadership
– Thomas Carlsen

Führung im Wandel

Veränderungen allenthalben: Technologische Innovationen und globale Vernetzung eilen in einem noch nie dagewesenen Tempo voran, während Gesellschaften sich gleichzeitig mit komplexen ökologischen, ökonomischen und sozialen Herausforderungen und tiefgreifenden internationalen Krisen auseinandersetzen müssen. VUKA (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität ‑ Mehrdeutigkeit) ist einer der Arbeitsbegriffe der modernen Wirtschaftssprache, mit dem die Gesamtlage knapp zusammengefasst wird. Die Auswirkungen auf Politik, Unternehmen und die Einzelnen sind überall sicht- und spürbar. Sie verändern grundlegend, wie Organisationen operieren und Entscheidungen treffen. Führung von und in Unternehmen heute bedeutet nicht einfach nur, einen Kurs zu bestimmen und ihn geradlinig zu verfolgen, sondern Navigation durch die komplexen, sich schnell verändernden Gewässer unserer Zeit. Eine anspruchsvolle Aufgabe. Dieser Artikel möchte das Wesen moderner Führung beleuchten und die Fähigkeiten, Eigenschaften und die Denkweise aufzeigen, die für die Führungskräfte heute essenziell sind und wie sie sich von den Normen der Vergangenheit unterscheiden.

Damals, als die Welt noch gemütlich war

Führung ist seit jeher ein zentrales Element sozialer Strukturen, das Veränderungen, Innovationen und die Entwicklung von Zivilisationen vorantreibt. Sie ist ein Schlüsselbegriff in der Arbeitswelt und weit darüber hinaus. Sie beschreibt die Kunst der Anleitung, Motivation und Orientierung von Menschen im Hinblick auf die Erreichung gemeinsamer Ziele. Führung ist mehr als nur eine Rolle oder Position, sie ist ein vielschichtiges Konstrukt, das unterschiedliche Stile und Methoden umfassen kann. Aus psychologischer Sicht setzt Führung eine Reihe von Eigenschaften und Verhaltensmustern voraus, die es einer Person ermöglichen, einflussreich und richtungsweisend zu sein. Diese Eigenschaften lassen sich durch Erfahrung und gezieltes Training erweitern und vertiefen. Charakteristisch für den Führungsbegriff ist sein dynamischer Charakter, der sowohl individuelle als auch soziale Kompetenzen umfasst. Zum Kern der Führungsaufgabe in der großen Spanne zwischen autoritärem Führungsstil und Servant Leadership gibt es je nach Schwerpunktsetzung mehrere Perspektiven bzw. Positionen. Allen gemeinsam ist jedoch das Ziel, durch effektive Führung einen Rahmen zu schaffen, in dem Einzelne und Gruppen erfolgreich auf gemeinsame Ziele hinarbeiten können. Doch ganz so grundlegend brauchen wir nicht zu werden. Hier geht es hauptsächlich um den geschäftlichen Kontext.

Bis zum Ausklingen des 20. Jahrhunderts waren das Verständnis und die Praxis von Führung (Leadership) geprägt von traditionellen, hierarchischen Strukturen und einem Top-Down-Führungsstil. Diese Ansätze gingen oft von der Annahme aus, dass Entscheidungsbefugnisse und Weisungen von der höchsten Ebene der Organisation ausgehen sollten, was zu einer klaren Trennung zwischen Führungskräften und Geführten führte.

In vielen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft unterstützten autoritäre oder patriarchalische Führungsmodelle die Vorstellung, dass Führungskräfte in erster Linie Befehlsgeber sind, deren Hauptaufgabe es war, Anweisungen zu erteilen und deren Ausführung zu überwachen. Die Mitarbeitenden folgten diesen Anweisungen oft ohne Frage oder Einbeziehung in den Entscheidungsprozess, was damals als effizienter Weg zur Erreichung von Zielen galt und bis heute in der Haltung von Menschen in Führung und von Geführten nachhallt.

Ein weiteres Merkmal traditioneller Führungsstile war die Betonung auf Stabilität und Beständigkeit. In einer Zeit langsamer Veränderungen in Technologie und Märkten galt ein solides, unveränderliches Leadership als Schlüssel zum langfristigen Unternehmenserfolg. Anpassungsfähigkeit und Flexibilität waren weniger gefragt, da Veränderungen im Normalfall weniger abrupt waren und seltener auftraten.

Die Rolle der Führungskräfte beschränkte sich weitgehend auf Planung, Organisation und Kontrolle. Es lag in ihrer Verantwortung, klare Ziele festzulegen, die Struktur zu organisieren, um diese Ziele zu erreichen, und die Leistung zu überwachen und zu bewerten. Führung wurde somit als eine Reihe von verwaltungstechnischen Aufgaben angesehen (Management), die eher weniger mit persönlicher Entwicklung oder mit der Schaffung inspirierender Visionen zu tun hatten.


Der Wandel macht neue Führungsstile notwendig

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Rahmenbedingungen grundlegend geändert. Unternehmenszwecke und -ziele sind zwar im Wesentlichen die gleichen geblieben, jedoch haben vor allem neue Technologien, (die digitale Revolution), die nicht mehr umkehrbare Globalisierung und die damit verbundenen neuen Herausforderungen, insbesondere die Geschwindigkeit von Produktentwicklungs- und Lebenszyklen- aber auch die „Halbwertszeit“ von Technologien dafür gesorgt, dass neue, effizientere Arbeits- und Führungsstile gebraucht werden, da die tradierten für viele Unternehmen zu schwerfällig geworden sind. Beispiele hierfür sind Produktentwicklung mit SCRUM in seinen unterschiedlichen Geschmacksrichtungen oder Design Thinking. Wir beobachten außerdem einen Wandel im Arbeitsbegriff, im Leistungsdenken, in der Verfügbarkeit von Fachkräften, eine Verschiebung von Werten und der Ansichten über die Rolle von Unternehmen als Teil der Gesellschaft, große Unsicherheit angesichts des Überfalls auf die Ukraine und vieles mehr. Was es braucht sind neue Arbeits- und Führungskonzepte.


Führung im Spannungsfeld von Effizienz, Innovation, Kunden und Mitarbeiterzufriedenheit

Wie soll Führung denn nun angesichts der aktuellen Entwicklungen aussehen? Es kommt ganz darauf an, könnte man nun sagen, denn praktisch jedes Unternehmen ist anders und steht vor anderen Aufgaben und Herausforderungen. Das reicht von KMU, die sich seit Jahrzehnten nur zögerlich an Automatisierung und/oder Digitalisierung gewagt haben und nun für Veränderung und Führung agile Methoden einführen bis hin zum Konzern, der sich komplett neu erfindet und aus dem schwerfälligen Schlachtschiff eine große Flotte flexibler und vor allem flinker Schnellboote macht.

Allen gemeinsam ist die Notwendigkeit, Innovation zeitgleich mit dem Tagesgeschäft unter einen Hut zu bringen, damit laufende Geschäfte nicht beeinträchtigt werden und trotzdem Innovation stattfinden kann. Eine komplexe Aufgabe für die Unternehmensleitung, Führungskräfte und Mitarbeitende.

Was sind denn nun die (neuen) Aufgaben von Führungskräften?

Wer heute in einer Führungsposition tätig ist, steht vor einzigartigen Herausforderungen, die kreative und vorausschauende Lösungen erfordern. Nicht zuletzt der Fachkräftemangel sorgt dafür, dass Unternehmen sehr genau wissen müssen, was ihre Mitarbeitenden sich wirklich wünschen, allein schon, um sie im Unternehmen halten zu können. Die Macht des Arbeitgebers zur alleinigen Gestaltung des Unternehmens ist geschmolzen. Digitale Technologien verändern Unternehmen tiefgreifend. Die Führungsebenen stehen vor der Herausforderung, die digitale Transformation umzusetzen, ohne dabei den Menschen zu überfordern. Es geht darum, Technologien und neue Kommunikationsformen zu nutzen, um Effizienz und Innovation voranzutreiben, aber gleichzeitig eine Kultur zu pflegen, in der echte Beziehungen und Zusammenarbeit im Vordergrund stehen. Führungskräfte spielen eine Schlüsselrolle dabei, einen Ausgleich zu schaffen und sicherzustellen, dass die Technologie den Menschen dient, anstatt sie zu ersetzen.


Diversität ist das neue Normal

Aktuell stehen dem Arbeitsmarkt vier Generationen zur Verfügung: vom Babyboomer bis zur Gen Z. Auch und für die Globalisierung sind die meisten Unternehmen heute international aufgestellt. Es ist entscheidend, die diversen Werte, Kommunikationsweisen und Arbeitseinstellungen zu erkennen und wertzuschätzen. Effektives Führen über Generationen- und Ländergrenzen hinweg fördert eine Kultur der Inklusion, in der das Wissen und die Erfahrung jedes Einzelnen als wertvoller Beitrag anerkannt werden. Dies ermöglicht es, Synergien zu nutzen und einen fruchtbaren Wissensaustausch zu pflegen.

Vorbild sein und ethische Prinzipien vorleben: Führungspersönlichkeiten von heute müssen Integrität und ethisches Verhalten als Kern ihres Handelns etablieren, um den wachsenden Anforderungen an Transparenz und ethische Standards gerecht zu werden. Angesichts des kritischen Blicks von Gesellschaft und Stakeholdern sind klare Wertvorstellungen und offene Kommunikation unerlässlich. Spätestens seit des Business Roundtable 2019, in der sich rund 200 der wichtigsten US-Unternehmen u.a. zur Verankerung ethischer Normen und für ein Investment in die Mitarbeitenden selbstverpflichtet haben, gehört dieser Ansatz in die Lehrbücher.


Empathie in diversen Teams

Empathie ist eine zunehmend wichtige Fähigkeit in der modernen Führung, insbesondere in diversen Teams. Eine Führungskraft, die sich in die Lage ihrer Teammitglieder versetzen kann, versteht deren Bedürfnisse und kann ein inklusives Umfeld schaffen, das jeden Einzelnen wertschätzt und fördert. Empathische Führung führt zu einer besseren Mitarbeiterbindung, stärkt die Zusammenarbeit und das Vertrauen im Team. Sie fordert von der Führungspersönlichkeit emotionale Intelligenz und die Bereitschaft, sich mit unterschiedlichen Perspektiven auseinanderzusetzen.


Dimensionen von Führung - Beispiel aus einem unserer Trainings


Welche innovativen Führungsstile eignen sich für die heutige Zeit?

Es gibt viele, sehr viele Führungstheorien, -stile und Methoden. Bei aller Vielfalt, bei allen genutzten stilübergreifenden Tools, Ansätzen und Vereinfachungen komplexer Zusammenhänge zeigt sich jedoch ein Aspekt, der überall in moderner Führung durchscheint: Beidhändigkeit, auf die wir einen Blick werfen wollen.


Zwischen Innovation und Effizienz: Der Weg der Ambidextrie

In der Welt der Führung ist die Fähigkeit, sowohl Innovationskraft als auch Effizienz zu balancieren, zugleich Führungsaufgabe und eine Fähigkeit von Führungskräften. Ambidextrie in der Führung oder Ambidextrous Leadership beschreibt das Talent, explorative und exploitative Strategien zeitgleich einzuschlagen, also neue Möglichkeiten zu Erkunden und vorhandene Ressourcen effizient zu nutzen. In dynamischen Märkten ist diese Dualität entscheidend, da sie Unternehmen ermöglicht, flexibel auf Veränderungen zu reagieren und gleichzeitig ihre Ressourcen optimal zu nutzen. Ambidextre Führungskräfte spielen eine Schlüsselrolle im Wachstum und der Beständigkeit ihrer Organisationen, indem sie eine Brücke zwischen der Erforschung neuer Potenziale und der Maximierung vorhandener Kompetenzen schlagen. Hierzu bedarf es einer agilen Denkweise, Risikobereitschaft und der Fähigkeit, Teams dazu zu motivieren, sowohl bewährte Wege zu gehen als auch Neuland zu betreten. Veränderung wird nicht als abschließbares Projekt sondern als fortlaufender Prozess angesehen. Dadurch wird der Veränderungsgedanke in eine Führungshaltung integriert, die erwartet, den Blick – neben den Kunden und dem Markt – immer auf die Mitarbeitenden zu richten. Tatsächlich dürfte der Ambidextrie-Gedanke den meisten Führungsstilen innewohnen. Im Unterschied zu anderen Führungsstilen ist hier aber die Zentrierung auf eine mehr oder weniger charismatische Persönlichkeit (Jobs, Besos, Musk etc.), wie sie in den USA häufig zu sehen ist nicht „vorgesehen“. Vielmehr sucht die beidhändige Führung immer das Team und stellt die gemeinsame Leistung in den Mittelpunkt der Arbeit. Das Fehlen von Patentrezepten und Tools, die es bei statischen Konzepten oft zu geben scheint, ist zugleich der große Vorteil beidhändiger Führung, da es Führungskräften Entscheidungsfreiheiten, Erwägungsspielraum und Flexibilität eröffnet, sie geradezu dazu zwingt, genau das richtige Tool zum jeweiligen Zweck zu wählen und nicht nach Schema "F" vorzugehen.

So schlüssig das Konzept der Ambidextrie auch klingt, die Kunst ist es, auch genug Kapazitäten im Unternehmen für Innovation bereitzustellen. Gerade heute, wo Druck und Tempo auf allen Mitarbeitenden lasten, fehlt es oftmals schlicht an Zeit für Innovation und der Blick auf die aktuellen Geschäftsergebnisse versperrt manchem Unternehmenslenker und seinen Führungsebenen den Blick nach vorn. Vielmehr sind die potenziellen Innovationskräfte (noch) in den laufenden Prozessen gebunden. Hier werden wir als Beratende oft gerufen und können dabei unterstützen, neue Konzepte für die Führung zu entwickeln. Beispiele hierfür sind z.B. Programme, die in einem Bottom-up-Prozess Nachwuchsführungskräfte intern fördern. Bei einem anderen KMU ging es darum, im Rahmen von Digitalisierung und Maßnahmen zur Organisationsentwicklung auch an der Haltung der Führungsebene zu arbeiten. Dabei kann Ambidextrie als Konzept sehr hilfreich sein.


In die Zukunft führen

Allen Führungsstilen gemeinsam ist die Anforderung an die Führungskräfte, sich selbst zu führen (Self-leadership): Kontinuierliches Lernen und die Bereitschaft zur Selbstverbesserung sind in der schnelllebigen Geschäftswelt unerlässliche Eigenschaften für Führungskräfte. Die Fähigkeit, sich ständig neues Wissen anzueignen und dieses effektiv anzuwenden, fördert Innovation und hilft, mit den sich ändernden Anforderungen Schritt zu halten. Führungskräfte, die sich der lebenslangen Lernreise verschreiben, sind besser ausgerüstet, um ihre Teams zu inspirieren und anzuleiten. Sie verlangt von ihnen mehr als nur Management; sie müssen Visionäre, Innovatoren und einfühlsame Wegweiser sein und zugleich einen bewahrenden Ansatz pflegen. Durch die Annahme der Qualitäten von Anpassungsfähigkeit, Empathie und einer zukunftsorientierten Denkweise können Führungskräfte durch die Komplexitäten unserer modernen Welt navigieren und ihre Organisationen steuern.

Laut Quellenlage wird in der Jetztzeit die Transformationale Führung und das Servant Leadership am häufigsten eingesetzt und auch Dokumentiert. Ein spannendes Führungskapitel, das wir in einem der nächsten Beiträge aufschlagen werden.

Wie können Sie als Führungskraft die Prinzipien der Ambidextrie in Ihrem Unternehmen etablieren? Lassen Sie sich von uns inspirieren. Wir freuen uns auf spannende, zukunftsorientierte Gespräche!

Quellen

    • Harvard Business Review: Leadership in a rapidly changing world
    • Julia Duwe: Beidhändige Führung;  2. Aufl. Springer Gabler
    • Forbes: The Future of Leadership
    • McKinsey & Company: Leadership in the 21st century
    • Journal of Organizational Behavior: The changing nature of leadership and its impact



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Thomas & Petra Carlsen
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